Folge 9: 
Große Chance Inklusion – Das Erfolgsrezept für die Gastronomie

Das erwartet Dich in dieser Folge:

Host Ellis Osabutey spricht mit Max C. Luscher, dem Gründer des inklusiven Cafés coffee, brownies and downies (Oberursel),  über die Chancen von Inklusion in der Gastronomie. Es geht um echte Teilhabe, ein überfälliges Umdenken der Gesellschaft, mehr Sichtbarkeit und Menschlichkeit – aber auch um den Durchschnittsdeutschen, matschige Brownies,  Kosten für Psychologen, den verbesserten Schlaf, Eintracht Frankfurt und und und….

Shownotes

Key-Takeaways

  • Es gibt viele Möglichkeiten, wie Gastronomiebetriebe von der Integration von Menschen mit Behinderungen profitieren können
  • Das Konzept von coffee, brownies & downies zielt darauf ab, Menschen mit Behinderungen sichtbar zu machen
  • Der erste Arbeitsmarkt ist für Menschen mit Behinderungen oft schwer zugänglich
  • Der Bewerbungsprozess sollte Probetage beinhalten, um die Eignung zu testen
  • Das Thema Kündigungsschutz wird von vielen Arbeitgebern oft als Risiko wahrgenommen
  • Ohne Förderungen & Fördergelder ist die Inklusion chancenlos
  • Gesellschaftliche Verantwortung muss in der politischen Diskussion verankert werden
  • Praktische Ansätze zur Inklusion sind entscheidend

Zusammenfassung

In diesem Podcast diskutieren Ellis und Max Luscher über die Herausforderungen und Chancen der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der Gastronomie. Max, der Gründer von coffee, brownies & downies, teilt seine Erfahrungen und erklärt, wie sein Konzept funktioniert, um Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Diskussion umfasst Themen wie die Unterschiede zwischen dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt, die Bedeutung von Inklusion in der Gesellschaft, den Bewerbungsprozess und die wirtschaftlichen Aspekte der Gastronomie. 

 

In dieser Episode diskutieren Max und Ellis die Herausforderungen und Chancen der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt. Max teilt seine Erfahrungen mit Fördergeldern, Lohnkostenförderung und den Hürden, die Arbeitgeber überwinden müssen, um Menschen mit Behinderungen einzustellen. Er spricht über die Notwendigkeit einer politischen Diskussion und die gesellschaftliche Verantwortung, die damit einhergeht. Zudem wird der Name des Unternehmens und dessen Bedeutung thematisiert, sowie die Expansionspläne und die Vision, eine Blaupause für andere Unternehmen zu schaffen.

 

Links

coffee, brownies & downies

zu Gast: Max C. Luscher

Gründer coffee, brownies & downies, Oberursel
Vorreiter für Inklusion & Teilhabe

unser Host: Ellis Osabutey

Inhaber nomad & uuuhmami, Heidelberg
Experte für Gastro-Digitalisierung

Timestamps & Kapitelübersicht*

00:00 Einführung in die Gastronomie und Inklusion
11:48 Das Konzept von Coffee, Brownies and Downies
17:15 Die Motivation hinter dem Projekt
19:21 Abläufe und Strukturen im Café
20:00 Effizienz und Struktur im Unternehmen
20:28 Umdenken in der Mitarbeiterführung
23:49 Bewerbungsprozess und Einarbeitung
27:18 Herausforderungen für Arbeitgeber
29:50 Franchise-System und Gastronomie
31:14 Fördergelder und deren Bedeutung
34:20 Lohnkostenförderung und Herausforderungen
37:58 Änderungen im System für Inklusion
40:55 Praktische Umsetzung von Inklusion
42:33 Medienaufmerksamkeit und gesellschaftliche Diskussion
44:36 Inklusion im Café: Ein Menschliches Miteinander
47:05 Der Name als Polarisierung: Eine bewusste Entscheidung
50:22 Wachstum und Expansion: Eine Blaupause für Inklusion
54:52 Die Kraft der Berührung: Emotionale Geschichten aus dem Café
57:24 Rückschläge und Chancen: Der Weg zum Erfolg
59:02 Praktische Tipps für Gastronomen: Inklusion umsetzen
01:02:42 Abschluss und Ausblick: Gemeinsam in die Zukunft

Transkript

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Podcast: … und ein Spritzer Zitrone – Folge 9 – Inklusion in der Gastronomie

Gast: Max Luscher (Gründer von „coffee, brownies & downies“, ehemaliger CEO von B&B Hotels), Host: Ellis Osabutey

 

Einleitung & Vorstellung

Ellis: Hallo und herzlich willkommen alle zusammen zum Podcast von Gastronovi und „Ein Spritzer Zitrone“ – dem Podcast von Gastronomen für Gastronomen und alle, die sich für unsere wundervolle Branche interessieren. Heute sind wir mit einem unglaublich besonderen Gast hier, auf den ich mich die gesamte Woche sehr gefreut habe. Zu Gast ist Max Luscher. Max hat, nachdem er bei der Hotelkette B&B den CEO-Posten abgegeben hat, Coffee Brownies and Downies gegründet. Ein Café- und Gastronomiekonzept, das Menschen mit Behinderungen inkludiert. Ich bin sehr gespannt, wie das funktioniert. Max, herzlich willkommen!

Max: Vielen Dank für die Einladung! Ich freue mich sehr und schon mal Kompliment: Das ist der professionellste Podcast, den ich bislang mit aufzeichnen durfte.

Ellis: Max, lass uns direkt einsteigen. In der Vorbereitung zu heute sind mir ein paar Begrifflichkeiten aufgefallen. Ich habe gelesen, dass man zwischen dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt unterscheidet. Wie sieht die Arbeitsrealität von Menschen mit Behinderungen normalerweise aus?

 

Der Status quo: Erster vs. Zweiter Arbeitsmarkt

Max: Erster Arbeitsmarkt bedeutet nach Definition, dass ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis entstehen soll. Als Sozialstaat haben wir definiert, dass eine Gleichberechtigung für Menschen mit Schwerbehinderungen dann vorhanden ist, wenn sie vertraglich gleichgestellt sind. Ich glaube aber, das ist einer der großen Fehler im System, denn das Schaffen dieser Arbeitsverhältnisse ist in der Realität oft zu kompliziert, weshalb es viele nicht machen.

Ellis: Was ist denn in der Regel das Arbeitsumfeld von einem Menschen mit Behinderung?

Max: Im Regelfall arbeiten sie nicht im ersten Arbeitsmarkt, sondern in sogenannten Werkstätten. Das sind Sondereinrichtungen, die sich darum kümmern, dass Menschen mit Schwerbehinderung an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt und qualifiziert werden sollen. Dort findet viel Tagesstrukturierung statt. Mir ist ganz wichtig: Ich möchte kein Werkstätten-Bashing betreiben. Da arbeiten ganz viele tolle Leute. Ich glaube bloß, das System, das wir in Deutschland aufgebaut haben, lässt faktisch keine echte Inklusion zu, sondern führt eher zu einer Separierung.

Wir als Gesellschaft haben es aus meiner Sicht einfach verlernt, wie man mit Schwerbehinderten umgehen kann und darf. Mein Sohn ist 13 Jahre alt und hat eine Schwerbehinderung. Im Kindergarten hat Inklusion noch funktioniert, in der Schule geht es massiv auseinander, und im Arbeitsleben findet sie überhaupt nicht mehr statt.

 

Das Konzept: coffee, brownies & downies

Ellis: Lass uns den Sprung machen zu dem, wie ihr es macht. Seit dem 1. August 2025 seid ihr in Oberursel. Was macht euch besonders?

Max: Wir sind eine Tagesbar, ein Café, fokussiert, modular aufgebaut und mit hohem Digitalisierungsgrad. Was uns anders macht: Zu viele Inklusionsbetriebe werden durch gemeinnützige Organisationen betrieben. Gemeinnützigkeit ist wichtig, führt aber im Gastrobereich oft zu falschen Entscheidungen – etwa zur Wahl einer günstigen, aber falschen Lage (ohne Laufkundschaft) oder zu rein funktionalen Räumen, weil das Budget fehlt.

Bei uns kommst du rein und siehst Sofas, von der Decke hängende Zugabteilsitze und ein fantastisches Interior Design. Die Leute sagen: „So ein schönes Café habe ich noch nie gesehen.“ Zweitens: Unsere gastronomische Leistung ist top. Wenn der Brownie nicht schmeckt, kommt kein Gast ein zweites Mal, sonst wäre das reine Sozialromantik.

Aber das, was es bei uns gibt und sonst kaum noch: Wir haben durch unsere elf Mitarbeiter mit Schwerbehinderung (in einem 16-köpfigen Team) das Thema Premium Service und Herzenswärme. Diese Mitarbeiter machen einen fantastischen Job und schaffen es durch ihre Besonderheit, diesen Unterschied zu machen. Zwischenfazit: Wir haben eine Google-Bewertung von 4,8.

 

Strukturen und Abläufe: So funktioniert echte Inklusion

Ellis: Was müsst ihr bezüglich Strukturen, Abläufen und Kommunikation anders machen, damit der Betrieb effizient läuft?

Max: Eigentlich alles und nichts. Bei den Mitarbeitern ohne Schwerbehinderung muss ein Umdenken stattfinden. Nicht im Sinne von „Ich muss die jetzt mitschleppen“, sondern man muss aktiv mitdenken, ihnen eine Bühne geben und um ihre Stärken und Schwächen herum arbeiten. Wir haben zum Beispiel viele Autisten und viele Menschen mit Down-Syndrom (daher auch der Name „Downies“). Sie sind extrem gut im Service, haben eine unglaubliche Freundlichkeit. Aber Struktur und Ordnung sind manchmal eine Herausforderung. Wenn wir die Terrasse aufbauen, stehen die Stühle und Tische garantiert ganz bunt da – und dann ist das eben so.

Ellis: Habt ihr konkrete Hilfsmittel im Betriebsablauf?

Max: Ja, wir haben Prozesse vereinfacht:

  • Keine Tischnummern: Viele Kollegen können sich Nummern nicht merken. Stattdessen haben wir Symbole. Tisch „Kirsche“, Tisch „Apfel“ oder „Gabel“.
  • Digitalisierung: Die Gäste bestellen und bezahlen via QR-Code am Tisch. Wir erklären den Gästen: „Viele unserer Kollegen können nicht klassisch kellnern oder kassieren.“ Die Gäste verstehen das sofort.

 

Förderung und Wirtschaftlichkeit: Die Realität

Ellis: Du hast Fördergelder angesprochen. Was sagst du zu Stimmen, die behaupten, ihr würdet nur Fördergelder „abgreifen“?

Max: Die Fördergelder gibt es, weil das System aktuell nicht funktioniert und der Staat Anreize setzen muss. Wenn man Inklusion in der Privatwirtschaft will, kann man den Leuten nicht sagen: „Mach das, aber verliere Geld dabei.“ Ohne Förderungen ist es absolut chancenlos. Aber wir haben trotzdem enorm viel eigenes Risiko und Geld hineingesteckt – jeder von uns rund 200.000 Euro.

Es gibt Investitionskostenförderung (die je nach Bundesland stark variiert) und Lohnkostenförderung. Wenn du über das sogenannte „Budget für Arbeit“ einstellst, bekommst du eine Lohnkostenförderung von rund 75–80 %. Das Hauptproblem der Gastronomen ist aber der Kündigungsschutz. Unternehmer haben Angst, Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen, weil sie befürchten, bei schlechter Leistung in bürokratischen Problemen zu ersticken. Wir müssen das System ändern. Statt 100 % ethisch-moralischer Theorien brauchen wir eine 80-%-Lösung, die in der Praxis funktioniert.

 

Der Name und die öffentliche Wahrnehmung

Ellis: Euer Name „Coffee Brownies and Downies“ wird von manchen als polarisierend wahrgenommen. Wie ist deine Antwort darauf?

Max: Ich glaube, da mein Geschäftspartner und ich selbst schwerbehinderte Söhne haben und viel privates Geld investieren, sollte uns jeder abnehmen, dass wir niemanden beleidigen wollen. Wir haben den Namen mit Absicht gewählt. Ich habe zu viele Betriebe gesehen, wo nicht bekannt ist, dass dort Menschen mit Schwerbehinderung arbeiten. Der Gast erwartet den Standard, der Mitarbeiter versteht es vielleicht nicht gleich, und am Ende ist der Gast sauer und gibt eine schlechte Bewertung.

Bei uns wissen die Leute, worum es geht. Wenn ein Fehler passiert – zum Beispiel wird ein Cappuccino verschüttet –, menschelt es. Der Gast sagt: „Gar kein Problem, bring einfach einen neuen, du machst das toll!“ Das ist eine Positivspirale. Wir wollen Fakten schaffen und Arbeitsplätze kreieren.

 

Der emotionale Mehrwert: Ein Erlebnisbericht

Max: Ich möchte ein Beispiel nennen, was passiert, wenn Menschen, die wir als Gesellschaft als „nicht arbeitsfähig“ einstufen, plötzlich Wunder vollbringen. In unserer zweiten oder dritten Woche lag eine handgeschriebene Karte einer älteren Dame auf dem Tresen. Sie ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin für Kinder. Ich zitiere kurz aus der Karte:

"Liebes Team, ich war heute das erste Mal hier. Mein Highlight des Tages war, dass mir ein Mitarbeiter ganz liebevoll seine Hand auf meine Schulter gelegt hat, nachdem er mir meine Tasse Tee serviert hatte. Müde, traurig und kraftlos kam ich hier an. Die Hand dieses tollen Mitarbeiters hat mir so gut getan. Danke und bis ganz bald."

Diese Hand auf der Schulter hat unserem Sozialstaat wahrscheinlich 150.000 Euro Psychologenkosten erspart. Warum machen wir das nicht überall?

 

Zukunftsvision & Tipps für Gastronomen

Ellis: Ihr wollt wachsen. Was ist das Ziel?

Max: Wir wollen eine Blaupause sein. Ich habe mal plakativ gesagt: 100 Filialen. Das wären 1.000 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Aber wichtiger ist, dass wir eine gesellschaftspolitische Diskussion anstoßen. Wir wollen in die Kantinen und Konferenzräume großer Firmen. Wir haben auch einen gemeinnützigen Verein gegründet. Wenn Leute uns unterstützen wollen: Spendet Geld, kauft unseren Kaffee oder kommt einfach zum Mittagessen vorbei!

Ellis: Zum Abschluss: Wenn du das auf unsere Branche übersetzt – hast du eine klare Handlungsempfehlung für Gastronomen?

Max: Stellt Menschen mit Schwerbehinderungen ein! Der Staat unterstützt euch finanziell, euer Team wird besser, ihr müsst keine Strafabgaben (Ausgleichsabgabe) zahlen. Es ist eine absolute Win-win-win-Situation. Geht auf eure lokale Werkstatt zu, bietet ein Praktikum an und fangt einfach an.

Ellis: Max, ganz, ganz lieben Dank für deine Zeit heute. Das Thema hat mich sehr berührt.

Max: Sehr gerne, bis bald!

* Inhaltsübersichten und Transkripte wurden mit Unterstützung von KI erstellt und ggf. gekürzt. Fehler und Ungenauigkeiten bitten wir zu entschuldigen.